Dr. Mohamed Elhamy
Eine tiefgehende historische Richtigstellung, die systematische Demontage des takfiristischen Extremismus und die wissenschaftliche Rekonstruktion des Epochenübergangs auf Basis der Analysen von Dr. Mohamed Elhamy [50]
Wenn du die Epoche der Rechtgeleiteten Khilafah (Al-Khilafah al-Rashidah / الْخِلَافَةُ الرَّاشِدَةُ) in ihrer unzensierten Tiefe betrachtest, erkennst du, dass ihre gewaltigste historische Dimension nicht nur in der rasanten territorialen Expansion oder dem wirtschaftlichen Segen lag [50, 56]. Die wahre Reife dieser Epoche offenbart sich in der Art und Weise, wie die Ummah (الأُمَّة) unter der Führung des Kalifen Ali ibn Abi Talib (عَلِيُّ بْنُ أَبِي طَالِبٍ) lehrte, mit dem bis dahin völlig unbekannten Phänomen der innerislamischen Ketzerei und des religiösen Extremismus (Al-Firaq al-Dallah / الْفِرَقُ الضَّالَّةُ) umzugehen [50, 51].
Versetzt euch in die Zeit vor dem Kalifat Alis: Die Welt war für die Muslime einfach strukturiert [50]. Es gab Muslime (الْمُسْلِمُونَ), die sich dem Gesetz Allahs unterwarfen, und es gab Nichtmuslime [50]. Doch mit dem Aufkeimen der Großen Fitnah trat eine völlig neue, erschreckende Realität zutage: Menschen, die sich stolz zum Islam bekannten, die Nächte im Gebet verbrachten und die Zungen mit der Rezitation des Korans feucht hielten, fielen in eine tiefe, zerstörerische theologische Verblendung [50].
Dr. Elhamy legt dar, dass die Souveränität Alis in dieser Krise eine unübertroffene zivilisatorische Pionierarbeit für die Ummah leistete [50]. Er diente als oberster Lehrer der Gelehrsamkeit, indem er der Nachwelt aufzeigte, wie man die theologische Verirrung bekämpft, ohne die ethischen und rechtlichen Grenzen der Scharia (الشَّرِيعَةُ) zu verletzen [50].
Die größte psychologische Falle bei der Entstehung dieser Rebellengruppen lag in ihrer unübersehbaren, fast einschüchternden äußeren Frömmigkeit [50]. Es handelte sich bei den Aufständischen, die sich gegen den Kalifen Uthman erhoben und später die Khawarij formierten, nicht um ungläubige Infiltratoren oder sündige Wüstlinge [50]. Es waren Menschen, deren Askese und Eifer im Gottesdienst selbst die reinsten Gefährten des Propheten ﷺ in Erstaunen versetzten [50].
Unsere Mutter Aisha (عَائِشَةُ) – die Mutter der Gläubigen – beschrieb dieses beunruhigende Phänomen mit jenen unbestechlichen Worten [50]:
«مَا احْتَقَرْتُ شَيْئًا مِنْ أَعْمَالِ أَصْحَابِ رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ حَتَّى رَأَيْتُ هَؤُلَاءِ، لَقَدْ صَلُّوا صَلَاةً لَا يُحْسَنُ أَنْ يُصَلَّى مِثْلُهَا، وَقَرَأُوا قِرَاءَةً لَا يُحْسَنُ مِثْلُهَا، حَتَّى إِذَا تَأَمَّلْتَ الصَّنِيعَ عَلِمْتَ أَنَّهُمْ لَا يُقَارِبُونَ أَصْحَابَ رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ»
„Ich habe niemals ein einziges Werk der Gefährten des Gesandten Allahs ﷺ geringgeschätzt, bis ich diese Leute erblickte! Wahrlich, sie vollzogen ein Gebet, von dem man nicht dachte, dass ein ähnliches überhaupt verrichtet werden könnte, und sie rezitierten den Koran auf eine Weise, die unübertroffen schien. Doch wenn du ihr tatsächliches Handeln mit scharfem Verstand analysiertest, erkanntest du augenblicklich, dass sie in Wahrheit meilenweit von der aufrichtigen Methodik der Gefährten des Gesandten Allahs ﷺ entfernt waren!“ [50]
Dies ist eine fundamentale Warnung für alle Zeiten: Ein extremes Maß an formalem religiösem Eifer, gepaart mit geistiger Enge und Hochmut, ist der perfekte Nährboden für den tiefsten moralischen Absturz [50].
Der erste tiefe theologische Riss in der Ummah entstand nicht durch den Hass, sondern paradoxerweise durch eine exzessive, krankhafte Übersteigerung der Liebe zu Ali ibn Abi Talib [50]. Die giftige Saat für dieses Phänomen wurde von dem jemenitischen Verschwörer Abdullah ibn Saba (عَبْدُ اللَّهِ بْنُ سَبَأٍ) gelegt [50]. Er war es, der die ketzerische Behauptung in Umlauf brachte, Ali sei der rechtmäßige, göttlich dekretiert Erbe des Propheten ﷺ, der „Erbverwalter“ (Al-Wasi / الْوَصِيُّ) [50], um das bewährte Prinzip der freien Wahl der Ummah (Schura) an seinen Wurzeln zu zertrümmern [50].
In den verheerenden Wirren des Bürgerkriegs und der Schlachten von Jamal und Siffin mutierte dieses Gedankengut zu einer bizarren Blasphemie [50]. Eine Gruppe von Fanatikern trat offen vor den Kalifen Ali und verkündete ihm direkt ins Gesicht, dass er die Inkarnation Gottes auf Erden sei [50].
Dr. Elhamy analysiert die soziokulturellen Triebfedern hinter dieser extremen Verirrung [50]: Es handelte sich um das gewaltsame Eindringen fremder, nichtislamischer Herrschaftsmythen in das junge Reich [50].
Als diese frisch konvertierten Völker auf die unermessliche, majestätische Aura Alis trafen, projizierten sie ihre alten heidnischen Herrscher-Mythen auf seine Person [50].
Als der Kalif Ali von dieser gotteslästerlichen Behauptung erfuhr, ergriff ihn tiefer Schrecken und heiliger Zorn [50]. Er trat vor diese Menschen und rief ihnen unmissverständlich zu [50]:
«وَيْلَكُمْ! إِنَّمَا أَنَا بَشَرٌ، عَبْدٌ مِنْ عِبَادِ اللَّهِ، إِنْ أَطَعْتُهُ أَثَابَنِي إِنْ شَاءَ، وَإِنْ عَصَيْتُهُ عَذَّبَنِي، لَا تَرْجِعُوا إِلَى هَذَا!»
„Wehe euch! Ich bin doch nur ein sterblicher Mensch, ein Diener unter den unzähligen Dienern Allahs! Wenn ich Ihm gehorche, wird Er mich belohnen, so Er will; und wenn ich Ihm ungehorsam werde, wird Er mich bestrafen! Kehrt augenblicklich um von dieser schrecklichen Blasphemie!“ [50]
Doch die Verblendeten waren taub für seine Worte. Sie blickten ihn an und riefen ekstatisch: „Nein! Du bist unser Schöpfer und unser Versorger [بل أنت خالقنا ورازقنا]!“ [50].
Ali gewahrte ihnen eine dreitägige Frist zur Reue, während der sie täglich mit Nahrung und Wasser versorgt wurden [50]. Als sie auch am vierten Tag starrsinnig auf ihrer Ketzerei beharrten, traf Ali eine drakonische Entscheidung, die als Warnung für die Nachwelt dienen sollte [50]: Er ließ tiefe Gräben (Akhadid / أَخَادِيد) in die Erde graben, füllte sie mit Holz und entfachte ein gewaltiges Feuer [50]. Er stellte die Ketzer vor die Wahl, abzuschwören oder verbrannt zu werden. Sie weigerten sich und wurden in den Gräben hingerichtet [50].
Als der große Rechtsgelehrte und Cousin des Propheten, Abdullah ibn Abbas (عَبْدُ اللَّهِ بْنُ عَبَّاسٍ), im fernen Basra von dieser Art der Hinrichtung hörte, stimmte er der Todesstrafe zwar vollkommen zu, erhob jedoch Einspruch gegen die Methode des Verbrennens [50]. Er berief sich auf ein direktes prophetisches Verbot, das Ali zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht erreicht hatte [50]:
«لَا تُعَذِّبُوا بِالنَّارِ، فَإِنَّهُ لَا يُعَذِّبُ بِالنَّارِ إِلَّا رَبُّ النَّارِ»
„Bestraft niemals mit dem Feuer! Denn es geziemt sich für niemanden, mit dem Feuer zu strafen, außer dem Herrn des Feuers Selber!“ [50]
Dr. Elhamy weist an dieser Stelle auf ein absolutes geschichtliches Weltwunder hin, das die erhabene moralische Einzigartigkeit Alis für alle Zeiten zementiert [50]:
Der Kalif Ali ist der einzige Herrscher in der gesamten Menschheitsgeschichte, der jene Menschen unbarmherzig hinrichten ließ, die ihn vergötterten und anbeteten, während er gleichzeitig die vollen Bürger- und Menschenrechte jener Rebellen schützte, die ihn öffentlich zum Ungläubigen erklärten! [50]
Versetzt euch in die Realität aller anderen Könige und Kaiser der Antike und Moderne: Herrscher lieben es, wenn das Volk vor ihnen kniet, ihnen huldigt, sie verherrlicht und zu Halbgöttern erhebt [50]. Sie überschütten ihre Lobredner mit Gold und Privilegien [50]. Doch Ali besaß eine so reine, theozentrische Erhabenheit vor Allah, dass er diese Schmeichler als die schlimmsten Feinde des Glaubens vernichtete, während er die gesetzlichen Rechte seiner ärgsten Kritiker schützte [50]. Dies ist der unumstößliche Beweis, dass diese Herrscher keine weltlichen Politiker waren, sondern die strahlenden Erben der Prophetie [50, 56].
Auf der entgegengesetzten Seite der Verirrung formierte sich eine Gruppe, deren Herz von einem blinden, unerbittlichen Hass auf Ali ibn Abi Talib und Uthman ibn Affan zerfressen war: die Khawarij (الْخَوَارِجُ – die Ausbrecher) [50]. Der Begriff leitet sich direkt von dem arabischen Wort für „Heraustreten“ (Al-Khuruj / الْخُرُوجُ) ab, da sie sich einseitig von der legitimen politischen Führung der Muslime lossagten [50].
Als der Kalif Ali in der Schlacht von Siffin unter dem extremen Druck seiner eigenen irakischen Truppen dem Vorschlag des Schiedsgerichts (Al-Tahkim / التَّحْكِيمُ) zustimmte, um das Blutvergießen unter den Muslimen zu beenden, wandten sich jene fanatischen Krieger plötzlich gegen ihn [50]. Sie bezichtigten Ali der Ketzerei und riefen ihren berüchtigten Slogan:
«إِنِ الْحُكْمُ إِلَّا لِلَّهِ»
„Die Urteilskraft gebührt einzig und allein Allah!“ [50]
Sie spalteten sich vom muslimischen Heer ab, zogen sich in die irakische Ortschaft Harura (حَرُورَاء) zurück und wurden fortan in den klassischen Werken auch als Al-Haruriyyah (الْحَرُورِيَّةُ) bezeichnet [50]. Sie wählten den fanatischen Krieger Abdullah ibn Wahb al-Rasibi (عَبْدُ اللَّهِ بْنُ وَهْبٍ الرَّاسِبِيُّ) zu ihrem militärischen Anführer [50].
Der Kalif Ali bewies auch in dieser existenziellen Krise die Milde eines wahren Staatsmannes [50]. Bevor er die Schwerter sprechen ließ, wollte er ihre Argumente mit unbestechlicher Logik und theologischer Sanftmut entkräften [50]. Er sandte seinen fähigsten Diplomaten, den „Gelehrten der Ummah“ (Hibr al-Ummah / حِبْرُ الأُمَّةِ), Abdullah ibn Abbas, zu ihnen nach Harura [50].
Ibn Abbas überliefert uns diesen historischen Dialog mit faszinierenden Details [50]: Er zog seine edelsten Kleider an, um ihnen mit der Würde des Staates entgegenzutreten [50]. Als er ihr Lager betrat, kritisierten die asketischen Khawarij sofort sein äußeres Erscheinungsbild und fragten vorwurfsvoll: „O Ibn Abbas, was ist das für ein prachtvolles Gewand, das du da trägst?“ [50]. Er entgegnete ihnen ruhig und schlagfertig [50]:
«مَا تَنْقِمُونَ مِنِّي؟ لَقَدْ رَأَيْتُ رَسُولَ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ يَرْتَدِي أَحْسَنَ الْحُلَلِ، وَقَدْ نَزَلَ قَوْلُ اللَّهِ تَعَالَى: {قُلْ مَنْ حَرَّمَ زِينَةَ اللَّهِ الَّتِي أَخْرَجَ لِعِبَادِهِ وَالطَّيِّبَاتِ مِنَ الرِّزْقِ}»
„Was wirft ihr mir vor? Bei Allah, ich habe den Gesandten Allahs ﷺ persönlich im allerschönsten Festgewand gesehen! Und hat Allah nicht in Seinem Buch offenbart: {Sprich: Wer hat den Schmuck Allahs verboten, den Er für Seine Diener hervorgebracht hat, und die guten Dinge der Versorgung?}“ [50]
Ibn Abbas setzte sich zu ihnen und sprach jene majestätischen Worte, die ihre theologische Isolation gnadenlos offenlegten [50]:
«جِئْتُكُمْ مِنْ عِنْدِ صَحَابَةِ رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ، مِنَ الْمُهَاجِرِينَ وَالْأَنْصَارِ، الَّذِينَ نَزَلَ عَلَيْهِمُ الْقُرْآنُ، وَلَيْسَ فِيكُمْ مِنْهُمْ أَحَدٌ!»
„Ich bin zu euch gekommen direkt aus den Reihen der Gefährten des Gesandten Allahs ﷺ – von den Auswanderern und den Helfern –, auf die der Koran herabgesandt wurde und die seine Bedeutung am besten verstehen! Und ich blicke in eure Reihen und stelle fest: Es befindet sich nicht ein einziger von ihnen unter euch!“ [50]
Dies ist das vernichtendste Argument gegen jeden religiösen Extremismus: Wenn sich eine Bewegung formiert, die behauptet, die absolute Wahrheit gepachtet zu haben, sich jedoch in völligem Widerspruch zu den lebenden Koryphäen und den direkten Schülern des Propheten ﷺ befindet, so ist sie zweifellos auf dem Pfad des Verderbens [50].
[ Die drei Vorwürfe der Khawarij ]
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[ Menschen als Richter ] [ Kein Beuterecht im Bürgerkrieg] [ Löschen des Kalifentitels ]
(Kritik am Schiedsgericht) (Kritik an der Schlacht Jamal) (Kritik an der Urkunde)
Ibn Abbas forderte sie auf, ihre konkreten Vorwürfe gegen den Kalifen Ali darzulegen [50]. Sie nannten drei Punkte, die Ibn Abbas mit atemberaubender exegetischer Brillanz auflöste [50]:
{يحكم به ذوا عدل منكم} („…darüber sollen zwei gerechte Männer unter euch richten…“ / Sure Al-Ma’idah: 95) – bei einem Tier, das kaum einen Viertel-Dirham wert ist [50].{فابعثوا حكماً من أهله وحكماً من أهلها} („…so sendet einen Schiedsrichter aus seiner Familie und einen Schiedsrichter aus ihrer Familie…“ / Sure An-Nisa: 35) [50].Ihr Argument: „Er hat in der Kamelschlacht gekämpft, aber er hat uns verboten, ihre Frauen als Sklaven zu nehmen oder ihre Besitztümer als Kriegsbeute zu rauben! Wenn sie Ungläubige waren, war ihr Besitz halal für uns; wenn sie Muslime waren, war das Kämpfen gegen sie von vornherein verboten!“ [50].
Ibn Abbas’ Richtigstellung: Er blickte ihnen tief in die Augen und stellte ihnen jene psychologisch unlösbare Frage [50]:
«أَتَسْبُونَ أُمَّكُمْ عَائِشَةَ؟ فَإِنْ قُلْتُمْ نَسْبِيهَا وَنَسْتَحِلُّ مِنْهَا مَا نَسْتَحِلُّ مِنْ غَيْرِهَا فَقَدْ كَفَرْتُمْ، وَإِنْ قُلْتُمْ لَيْسَتْ أُمَّنَا فَقَدْ كَفَرْتُمْ أَيْضًا، فَإِنَّ اللَّهَ يَقُولُ: {النَّبِيُّ أَوْلَى بِالْمُؤْمِنِينَ مِنْ أَنْفُسِهِمْ وَأَزْوَاجُهُ أُمَّهَاتُهُمْ}»
„Wollt ihr etwa eure eigene Mutter Aisha als Kriegsbeute versklaven? Wenn ihr sagt: ‚Ja, wir nehmen sie als Sklavin und machen das mit ihr, was wir mit anderen Sklavinnen machen‘, so habt ihr augenblicklich den Islam verlassen! Und wenn ihr behauptet, sie sei nicht eure Mutter, so habt ihr ebenfalls den Islam verlassen, denn Allah sagt im Koran unmissverständlich: {Der Prophet ist den Gläubigen näher als sie sich selbst, und seine Ehefrauen sind ihre Mütter!}“ [50]
Die Khawarij waren im Netz ihrer eigenen absurden Logik gefangen [50]. Sie erkannten, dass der Kampf gegen Rebellen (Bughat) im islamischen Staatsrecht fundamentalen Sondergesetzen unterliegt und niemals mit dem Krieg gegen äußere Feinde gleichgesetzt werden darf [50, 51]. Sie riefen aus: „Ja, beim Herrn, wir stimmen dir zu!“ [50].
Durch diese meisterhafte theologische Beweisführung stürzte das mühsam errichtete ideologische Kartenhaus der Khawarij in sich zusammen [50]. Von den 6.000 versammelten Kriegern in Harura erkannten 2.000 Männer augenblicklich ihren fatalen Irrtum, leisteten Reue und kehrten reumütig in das Lager des legitimen Kalifen Ali zurück [50]. Die restlichen 4.000 verharrten in ihrer hochmütigen Verblendung [50].
Dr. Elhamy analysiert nun eine der erhabensten administrativen Meisterleistungen des Kalifen Ali im Umgang mit den verbliebenen, hochgefährlichen Rebellen [50]. Obwohl sie ihn öffentlich verleumdeten, seine Legitimität bestritten und sich bewaffnet hatten, entzog er ihnen nicht ihre Grundrechte, solange sie friedlich blieben [50, 75]. Er sandte ihnen seine weltberühmte, staatliche Sicherheitsgarantie – eine historische Charta der Grundrechte für Andersdenkende [50, 75]:
«إِنَّ لَكُمْ عَلَيْنَا أَلَّا نَمْنَعَكُمْ مَسَاجِدَ اللَّهِ أَنْ تَذْكُرُوا فِيهَا اسْمَ اللَّهِ، وَلَا نَمْنَعَكُمْ مِنَ الْفَيْءِ مَا دَامَتْ أَيْدِيعُمْ مَعَ أَيْدِينَا، وَلَا نَبْدَأَكُمْ بِقِتَالٍ حَتَّى تَبْدَأُونَا فِيهِ»
„Wahrlich, wir garantieren euch drei unveräußerliche Rechte, solange ihr eure Hände nicht mit unschuldigem Blut gegen uns befleckt: Wir werden euch niemals den Zugang zu den Moscheen Allahs verwehren, um Seinen Namen darin zu preisen; wir werden euch niemals euren gerechten Anteil an den Staatsgeldern (Al-Fay’ / الفيء) vorenthalten, solange eure Hände mit unseren Händen vereint sind; und wir werden niemals einen Krieg gegen euch beginnen, bis ihr selbst den ersten Schlag gegen uns führt!“ [50, 75]
Doch die Ideologie der Khawarij trug den Keim des Terrors in sich [50]. Da sie jeden Muslim, der nicht ihrer extremen Ansicht war, zum Ungläubigen (Kafir) erklärten, dauerte es nicht lange, bis sie begannen, wehrlose Bürger abzuschlachten [50].
Sie fingen an, Reisende auf den Wegen zu überfallen [50]. Sie unterzogen jeden Gefangenen einem makabren theologischen Verhör [50]: Erklärte der Gefangene den Kalifen Ali zum Ungläubigen, ließen sie ihn laufen [50]. Weigerte er sich jedoch und verteidigte die Ehre der Gefährten, schlachteten sie ihn grausam ab, weil er „den Ungläubigen nicht zum Ungläubigen erklärte“ [50]. Als sie den edlen Gefährten Abdullah ibn Khabbab ibn al-Aratt und seine schwangere Ehefrau auf diese Weise bestialisch ermordeten, war die rote Linie des Staates überschritten [50].
Der Kalif Ali hob augenblicklich sein Heer aus und stellte die Rebellen am Fluss Nahrawan [50]. Es kam zu einer unerbittlichen Schlacht, die in einer fast vollständigen Vernichtung der 4.000 Khawarij endete [50].
Dr. Elhamy weist auf die fundamentale theologische Legitimität dieses Kampfes hin [50]: Während Ali bei seinem Auszug zur Schlacht von Siffin offen zugab, dass dies auf seiner persönlichen politischen Abwägung (Ijtihad) beruhte und er keinen direkten Text des Propheten ﷺ dafür besaß [50], war sein Kampf gegen die Khawarij von einer klaren, lautstarken prophetischen Verheißung gedeckt [50]. Ali sprach damals jene ehrfurchtsvollen Worte [50]:
«مَا حَدَّثْتُكُمْ بِهِ مِنْ نَفْسِي فَإِنَّمَا الْحَرْبُ خَدْعَةٌ، وَلَكِنْ مَا رَوَيْتُ لَكُمْ عَنْ رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ فَلَأَنْ أَخِرَّ مِنَ السَّمَاءِ أَحَبُّ إِلَيَّ مِنْ أَنْ أَتَقَوَّلَ عَلَيْهِ»
„Was ich euch aus meiner eigenen Feder erzähle – nun, der Krieg ist eine Taktik des Täuschens. Doch was ich euch als direktes Wort des Gesandten Allahs ﷺ überliefere: Bei Allah! Dass ich vom Himmel herabstürze und zerschmettert werde, ist mir unendlich lieber, als dass ich jemals eine einzige Lüge über den Gesandten Allahs ﷺ erfinde!“ [50]
Ali erinnerte die Muslime an jene berühmte Begebenheit zu Lebzeiten des Propheten ﷺ [50]: Als der Prophet ﷺ nach der Schlacht von Hunayn die Kriegsbeute aufteilte, trat der hochmütige Beduine Abul-Khuwaysirah al-Tamimi vor ihn und rief frech: „O Muhammad! Sei gerecht, denn dies ist eine Verteilung, mit der nicht das Wohlgefallen Allahs gesucht wurde!“ [50].
Der Prophet ﷺ entgegnete ihm voller Entrüstung [50]:
«وَيْلَكَ! وَمَنْ يَعْدِلْ إِذَا لَمْ أَعْدِلْ؟»
„Wehe dir! Wer auf dieser weiten Erde sollte denn gerecht sein, wenn ich es nicht bin?“ [50]
Als Umar ibn al-Khattab den Hochmütigen auf der Stelle köpfen wollte, hielt ihn der Prophet ﷺ zurück und sprach jene weitsichtigen Worte, die die Charakteristiken der zukünftigen Khawarij penibel skizzierten [50]:
«دَعْهُ، فَإِنَّ لَهُ أَصْحَابًا يَحْقِرُ أَحَدُكُمْ صَلَاتَهُ مَعَ صَلَاتِهِمْ، وَصِيَامَهُ مَعَ صِيَامِهِمْ، يَمْرُقُونَ مِنَ الدِّينِ كَمَا يَمْرُقُ السَّمْهُمُ مِنَ الرَّمِيَّةِ، لَئِنْ أَدْرَكْتُهُمْ لَأَقْتُلَنَّهُمْ قَتْلَ عَادٍ»
„Lass ihn gewähren! Denn aus seinen Nachkommen werden Generationen entspringen, vor deren gewaltigem Gebet ihr euer eigenes Gebet geringschätzen werdet, und vor deren strengem Fasten ihr euer eigenes Fasten geringschätzen werdet! Sie lesen den Koran, doch er dringt nicht über ihre Kehlen hinaus. Sie schießen so rasant aus dem Glauben heraus, wie ein Pfeil den Körper des gejagten Tieres durchbohrt! Wenn ich sie jemals erreichen sollte, so würde ich sie unbarmherzig vernichten wie das Volk von ’Ad!“ [50]
Der Prophet ﷺ hatte Ali zudem ein unverkennbares physisches Merkmal genannt, an dem man den Anführer dieser abtrünnigen Rebellen erkennen würde [50]: Unter ihnen werde sich ein Mann befinden, dessen einer Arm unvollständig sei und einem fleischigen Klumpen gleiche, auf dem sich weiße Haare befinden [50]. Zudem hatte der Prophet ﷺ verheißen [50]:
«تَقْتُلُهُمْ أَدْنَى الْفِئَتَيْنِ إِلَى الْحَقِّ»
„Sie werden von jener der beiden großen muslimischen Fraktionen bekämpft und vernichtet werden, die der absoluten Wahrheit am nächsten steht!“ [50]
Nach dem glorreichen Sieg bei Nahrawan suchte der Kalif Ali mit fieberhaftem Eifer nach diesem Leichnam [50]. Die Soldaten suchten wiederholt und meldeten entmutigt: „O Emir der Gläubigen, wir können ihn nicht finden!“ [50]. Doch Ali rief voller unerschütterlichem Glauben aus [50]:
«ارْجِعُوا فَابْحَثُوا، فَوَاللَّهِ مَا كَذَبْتُ وَلَا كُذِبْتُ!»
„Kehrt augenblicklich um und sucht weiter! Denn bei Allah, ich habe niemals gelogen, und mir wurde von dem Propheten ﷺ niemals eine Unwahrheit berichtet!“ [50]
Sie suchten erneut und stießen schließlich unter einem Haufen von Dutzenden erschlagener Rebellen auf den exakten Leichnam des Dhu-Thadiyyah [50]. Als Ali das amputierte Glied mit den weißen Haaren erblickte, warf er sich unter Tränen in den Wüstensand nieder und pries Allah [50]. Es war die offizielle, göttliche Bestätigung, dass Alis Fraktion im großen Bürgerkrieg der Wahrheit am nächsten stand [50].
Trotz ihrer vernichtenden Niederlage bei Nahrawan war die giftige Ideologie der Khawarij nicht erloschen [50]. Die überlebenden Fanatiker zogen sich in die Schatten zurück und schmiedeten in ihren verblendeten Köpfen eine monumentale, geheimdienstliche Verschwörung [50]. Sie kamen zu dem absurden Schluss, dass das gesamte Elend der islamischen Welt an drei einzelnen Persönlichkeiten hänge [50]. Würde man diese drei ausschalten, würde die Ummah gerettet werden [50].
Die drei Zielscheiben dieser globalen Verschwörung waren [50]:
Drei fanatische Attentäter wurden ausgewählt und leisteten an der Kaaba einen feierlichen Schwur, die Operation am exakt selben Tag durchzuführen: am Fajr-Gebet des 17. Ramadan im Jahr 40 nach der Hidschra [50].
[ Das dreifache Attentat am 17. Ramadan 40 n.H. ]
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[ Kufa: Ali ibn Abi Talib ] [ Damaskus: Muawiyah ] [ Fustat: Amr ibn al-Aas ]
Attentäter: Ibn Muljam Attentäter: Al-Barrak Attentäter: Amr ibn Bakr
Status: ERFOLGREICH (Märtyrertod) Status: MISSLUNGEN (Schwer verletzt) Status: MISSLUNGEN (Kharijah getötet)
Kufa (عَبْدُ الرَّحْمَنِ بْنُ مُلْجَمٍ): Der Attentäter Ibn Muljam lauerte dem Kalifen Ali auf, als dieser die Muslime im Dunkeln der Nacht lautstark zum Fajr-Gebet in der großen Moschee von Kufa rief [50]. Er schlug ihm ein vergiftetes Schwert mit unbarmherziger Wucht auf den Kopf [50]. Ali erlag wenige Tage später dieser schweren Wunde und trat als unbefleckter Märtyrer vor Seinen Schöpfer [50].
Damaskus (الْبَرَّاكُ بْنُ عَبْدِ اللَّهِ): Der Attentäter Al-Barrak griff Muawiyah während des Gebets an, verfehlte jedoch den Hals und verletzte ihn schwer im Gesäß [50]. Muawiyah überlebte das Attentat nach monatelanger ärztlicher Behandlung, blieb jedoch zeit seines Lebens gezeichnet [50].
Fustat (عَمْرُو بْنُ بَكْرٍ التَّمِيمِيُّ): In Ägypten ereignete sich ein faszinierendes historisches Wunder: Der geniale Staatsmann Amr ibn al-Aas (عَمْرُو بْنُ الْعَاصِ) litt in jener schicksalhaften Nacht unter schweren Magenschmerzen und beschloss, das Haus nicht zu verlassen [50]. Er beauftragte seinen treuen Polizeichef, Kharijah ibn Hudhafah (خَارِجَةُ بْنُ حُذَافَةَ), das Gebet als Imam anzuführen [50]. Da es damals keine Bilder oder Fernsehen gab und der Attentäter Amr ibn Bakr den Gouverneur nicht persönlich kannte, stürzte er sich auf den Imam und erstach ihn im Glauben, es sei Amr ibn al-Aas [50].
Als man den Mörder festnahm und vor den echten Amr ibn al-Aas führte, schrie der Attentäter entsetzt: „Ich wollte Amr töten!“, woraufhin Amr ibn al-Aas jenen weltberühmten, arabischen Satz prägte, der bis heute als unsterbliches Sprichwort gilt [50]:
«أَرَدْتَ عَمْرًا وَأَرَادَ اللَّهُ خَارِجَةَ»
„Du hast Amr begehrt, doch Allah hat Kharijah beschlossen!“ [50]
Mit dem tragischen Tod Alis endete das glorreiche Zeitalter der Rechtgeleiteten Khilafah [50].
Dr. Elhamy führt uns nun zu der Geburtsstunde jenes Begriffs, der bis heute die absolute Mehrheit der Muslime weltweit definiert: Ahlus-Sunnah wal-Jama’ah (أَهْلُ السُّنَّةِ وَالْجَمَاعَةِ) [50].
Nach dem Martyrium Alis wählten die Menschen in Kufa dessen ältesten Sohn, Al-Hasan ibn Ali, zum neuen Kalifen [50]. Doch nach nur sechs Monaten Regierungszeit – die exakt die prophezeiten 30 Jahre der Khilafah vollendeten – traf Al-Hasan eine heroische, zivilisatorische Entscheidung [50, 60]: Er dankte im Jahr 41 nach der Hidschra freiwillig ab und übergab die Herrschaft an Muawiyah, um das endlose Blutvergießen zu beenden und die gespaltene Ummah wieder unter einer einzigen Führung zu vereinen [50, 60].
Dieses Schicksalsjahr 41 n.H. ging als das „Jahr der Gemeinschaft“ (عَامُ الْجَمَاعَةِ / Am al-Jama’ah) in die Weltgeschichte ein [50].
Dr. Elhamy erklärt die historische Trennungslinie, die in dieser Sekunde entstand [50]:
Die Methodik der Ahlus-Sunnah zeichnet sich durch eine unerschütterliche, wissenschaftliche Gerechtigkeit und das Freisprechen aller Gefährten aus [50]:
Dr. Elhamy schließt seine Analyse mit einer eindringlichen, hochaktuellen Warnung an die Ummah [50]: Die Khawarij sind kein verstaubtes historisches Phänomen der Vergangenheit [50]. Sie existieren bis heute auf den Straßen unserer Gegenwart und tragen exakt dieselben psychologischen und ideologischen Merkmale in sich [50].
Die drei unverkennbaren Signaturen der modernen Khawarij sind [50]:
Dies ist ihre unverkennbare Haupteigenschaft [50]: Sie eilen herbei, um jeden Muslim, der eine Sünde begeht oder eine andere politische Abwägung trifft, augenblicklich aus dem Islam auszuschließen [50]. Sie besitzen keinerlei Gespür für die strengen wissenschaftlichen Filter, die die klassischen Gelehrten für das Takfir etabliert haben (das Vorhandensein aller Bedingungen und das absolute Fehlen jeglicher Entschuldigungsgründe / Tahaquq al-Shurut wa-Intifa’ al-Mawani’) [50].
Es handelt sich um eine rein psychologische Störung [50]: Ein extrem geringes Maß an echtem, tiefem islamischem Wissen gepaart mit einem unbändigen, fanatischen Stolz auf die eigene Frömmigkeit [50]. Sie glauben im Ernst, sie seien schlauer, reiner und gottesfürchtiger als die etablierten Gelehrten der Ummah [50].
Dr. Elhamy prägt hierfür den brillanten Begriff des fissionablen Denkens [50]: Da die Ideologie der Khawarij auf dem raschen Takfir basiert, tragen sie den Keim der endlosen Selbstzerstörung in sich [50]. Sobald sich eine Gruppe von ihnen formiert, dauert es nicht lange, bis im Inneren die ersten minimalen Meinungsverschiedenheiten auftreten [50]. Anstatt zu diskutieren, erklären sie sich augenblicklich gegenseitig zu Ungläubigen und beginnen, sich gegenseitig abzuschlachten [50]. Dies zieht sich wie ein blutiger roter Faden durch die Geschichte aller Khawarij-Staaten bis hin zu den heutigen extremistischen Terrororganisationen unserer Gegenwart [50].
Ein faszinierendes historisches Detail legt ihre Heuchelei offen [50]: Obwohl die Khawarij einst gegen die Umayyaden und Abbasiden mit dem Argument rebellierten, dass eine dynastische Thronfolge (Tawreeth) im Islam verboten sei und die Herrschaft ausschließlich durch freie Schura erfolgen müsse [50], brach jede einzelne ihrer historischen Staatsgründungen (wie im Maghreb) dieses Prinzip [50]. Unter dem nackten Druck der Realität fielen sie alle in die Erbmonarchie zurück [50]. Sie bewiesen damit, dass ihre Ideologie eine reine Utopie ist, die in der Praxis kläglich scheitert [50].
Um dich und deinen Verstand vor den Lügen der Geschichte zu schützen, hinterlässt uns Dr. Mohamed Elhamy einen unschätzbaren, wissenschaftlichen Literaturkompass [50]:
Dieser literarische Kompass ist dein stärkstes Schild vor den Wellen der Desinformation [50]!
Gegründet auf den historischen Analysen von Dr. Mohamed Elhamy in Episode 21. [50]