Visual HistoryChronik des islamischen Imperiums

Die Führung nach dem Tod des Propheten

Dr. Muhammad Elhamy

Das Ringen um die Führung: Die Wahrheit über die Saqifah, die Nachfolgefrage und die Zerschlagung der Rebellion

Eine historische Richtigstellung, die theologische Aufarbeitung der Saqifah-Debatte und die administrative Analyse der Apostasiekriege auf Basis der Analysen von Dr. Mohamed Elhamy [55]


1. Das psychologische Phänomen der voreingenommenen Wahrnehmung: Die Beredsamkeit von Lob und Tadel

Wenn du dich dem Studium der islamischen Frühgeschichte widmest, musst du dich zuerst von den Fesseln einer psychologischen Falle befreien, die den modernen Verstand kolonisiert hat [55]. Es ist die Kunst der suggestiven Umdeutung, die der berühmte Dichter Ibn al-Rumi (ابن الرومي) einst in seinen unsterblichen Versen über den Zauber der Beredsamkeit (Sihr al-Bayan / سِحْرُ الْبَيَانِ) beschrieb [55]:

«تَقُولُ هَذَا رَحِيقُ النَّحْلِ تَمْدَحُهُ … وَإِنْ تَعِبْ قُلْتَ ذَا قَيْءُ الزَّنَابِيرِ»

„Du sagst, dies sei der Nektar der Biene, wenn du es loben willst, doch wenn du es tadelst, sagst du, es sei das Erbrechen der Wespen.“ [55]

Der große ägyptische Denker Abbas Mahmoud al-Aqqad (عَبَّاس مَحْمُود الْعَقَّاد) hegte eine tiefe Bewunderung für Ibn al-Rumi, weil dieser Dichter die Fähigkeit besaß, dieselbe Realität durch die bloße Macht der Worte in glänzendem Licht oder in tiefster Finsternis erscheinen zu lassen [55].

Genau diese manipulative Methode erleben wir heute in der modernen, säkularisierten Geschichtsschreibung [55]. Schau dir die zeitgenössischen westlichen Demokratien an [55]. Wenn im britischen Unterhaus oder in europäischen Parlamenten Abgeordnete aufeinander losgehen, sich wüst beschimpfen oder gar mit den Fäusten schlagen – oder wenn eine führende amerikanische Politikerin wie Nancy Pelosi den Verfassungsentwurf des Präsidenten vor den Augen der Weltöffentlichkeit zerreißt –, dann feiert die liberale Presse dies ehrfurchtsvoll als „lebendige, vitale demokratische Debatte“ [55]. Sie erklären dir, dass dieses laute Ringen die fortschrittlichste Errungenschaft der Zivilisation sei, die die Menschheit vor dem Bürgerkrieg bewahrt [55].

Doch sobald dieselben Historiker und säkularen Denker auf das Treffen in der Saqifah (سقيفة بني ساعدة) vor 1400 Jahren blicken, wandelt sich ihre Tonalität augenblicklich in zynische Verachtung [55]. Mit giftiger Stimme raunen sie dir ins Ohr: „Seht her! Der Prophet ﷺ war noch nicht einmal begraben, sein heiliger Leichnam lag noch auf seinem Sterbebett, und seine engsten Gefährten rannten bereits eilig los, um sich gierig um seine Nachfolge zu streiten!“ [55].

Tritt dieser doppelzüngigen Heuchelei mit unerschütterlichem intellektuellem Stolz entgegen! [55]

Das Treffen in der Saqifah von Bani Sa’idah war die reifste, disziplinierteste und friedlichste politische Meisterleistung, die die antike Welt je gesehen hat [55]. In einer der kritischsten Stunden der Weltgeschichte – inmitten eines beispiellosen emotionalen und gesellschaftlichen Erdbebens – kamen die Führer der Muslime zusammen, um ohne ein einziges böses Wort, ohne Handgreiflichkeiten und in absolutem gegenseitigen Respekt die Führung des Staates zu regeln [55]. Wer diese Glanzleistung als „Machtgier“ verunglimpft, während er das heutige parlamentarische Chaos als Ideal preist, beweist nur, dass sein Urteilsvermögen durch die Voreingenommenheit des westlichen Zeitgeists getrübt ist [55].


2. Die Unvermeidbarkeit des Erdbebens: Der Tod des großen Führers

Ihr müsst verstehen, dass das plötzliche Ableben einer dominierenden, einigenden Gründergestalt in jeder Epoche und in jeder Nation der Erde unweigerlich zu einem gewaltigen geostrategischen und gesellschaftlichen Erdbeben führt [55].

Schau dir die moderne Welt an, um dieses soziologische Naturgesetz zu begreifen [55]. Wenn morgen in der Türkei ein Staatsmann wie Erdogan, im Iran ein Führer wie Khamenei oder in Russland ein Herrscher wie Putin plötzlich verstirbt, gerät das gesamte politische Gefüge augenblicklich in unvorstellbare Turbulenzen [55]. Fraktionen bilden sich, Allianzen zerbrechen, und das Schreckgespenst des Chaos klopft an die Tore des Staates [55]. Dies ist die unbestechliche Natur der politischen Macht, sobald das einigende Zentrum wegbricht [55].

Als der Prophet Muhammad ﷺ im Jahr 11 nach der Hidschra (632 n.Chr.) verstarb, stand die neugeborene islamische Gemeinschaft vor einer existentiellen Zerreißprobe [55]. Er war nicht nur der spirituelle Führer, sondern das legislative und administrative Rückgrat des gesamten Staates [55]. Den Gefährten war instinktiv und ohne lange theoretische Abhandlungen bewusst, dass das Vakuum an der Spitze sofort gefüllt werden musste, um den gerade erst mühsam geeinten Staat vor dem sicheren Zerfall zu bewahren [55].


3. Die Saqifah-Debatte: Eine tiefenpsychologische Analyse der tribalistischen Dynamiken

Um die wahren Hintergründe des Treffens in der Saqifah – jenes überdachten Versammlungsortes der medinensischen Stämme – zu begreifen, darfst du die Akteure nicht durch die Brille moderner Parteipolitik betrachten [55]. Du musst die tiefen Ängste, die stammesgeschichtlichen Realitäten und die Psychologie jener Männer verstehen [55].

I. Die psychologische Notlage der Ansar (الأنصار)

Die einheimischen Muslime aus Medina (Aus und Khazraj) versammelten sich unter der Führung von Sa’d ibn Ubadah (سَعْدُ بْنُ عُبَادَةَ) in der Saqifah [55]. Ihre Sorge war keineswegs ein banales Streben nach persönlichem Ruhm [55]. Es war eine existentielle Angst, die tief in der arabischen Blutrache-Kultur verwurzelt war [55].

Versetze dich in ihre Lage: Die Stadt Mekka (مَكَّةُ) war erst im Ramadan des Jahres 8 nach der Hidschra erobert worden [55]. Der Prophet ﷺ verstarb im Rabi’ al-Awwal des Jahres 11 nach der Hidschra [55]. Das bedeutet, dass zwischen der Unterwerfung der stolzen Quraisch-Elite und dem Tod des Propheten ﷺ gerade einmal zweieinhalb Jahre lagen [55]! Die Wunden des jahrzehntelangen, blutigen Krieges waren noch völlig frisch [55]. Die Ansar hatten in den Schlachten von Badr, Uhud und der Grabenschlacht die Väter, Brüder und Söhne der mekkanischen Aristokratie eigenhändig erschlagen [55].

Die Ansar fürchteten nun mit psychologischer Plausibilität, dass nach dem Tod des schützenden Propheten ﷺ die Herrschaft in die Hände der frisch konvertierten mekkanischen Quraisch-Clans fallen könnte [55]. Sie sprachen diese Angst in der Saqifah offen aus [55]:

«وَلَكِنَّا نَخَافُ أَنْ يَلِيَ هَذَا الْأَمْرَ قَوْمٌ يَرَوْنَ أَنَّا قَتَلْنَا آبَاءَهُمْ»

„Doch wir fürchten, dass jene das Herrschaftsamt erben werden, die darin eine Rache für ihre Väter sehen, die wir [im Krieg] erschlagen haben.“ [55]

Diese Furcht vor dem Blutzoll (Thar / ثَأْر) war der wahre, psychologische Motor ihres Treffens [55]. Sie wollten Sa’d ibn Ubadah – der zu diesem Zeitpunkt schwer krank und fiebernd, in Decken gehüllt in einer Ecke der Saqifah lag – zu ihrem Führer wählen, um sich einen autonomen Schutzraum zu sichern [55].

II. Der geostrategische Realismus der Muhajirun (المهاجرون)

Als Abu Bakr (أبو بكر), Umar (عمر) und Abu Ubaidah al-Jarrah (أبو عبيدة بن الجراح) die Nachricht von dem Treffen erhielten, eilten sie augenblicklich zur Saqifah [55].

Auf ihrem Weg begegneten ihnen zwei aufrichtige Ansar-Gefährten, die sie fragten: „Wohin wollt ihr, ihr Auswanderer?“ Als sie antworteten, sie suchten ihre Brüder in der Saqifah auf, sagten die beiden Ansar [55]:

«لَا عَلَيْكُمْ مِنْهُمْ، اقْضُوا أَمْرَكُمْ وَنَحْنُ لَكُمْ تَبَعٌ»

„Grämt euch nicht um sie! Beschließt eure Angelegenheit unter euch, denn wir sind eurer Führung ohnehin folgsam.“ [55]

Doch Abu Bakr, beseelt von der Sorge, dass eine geheime Absprache im Verborgenen zu tiefen Grollgefühlen (Hasisat / حَزَازَات) im Herzen der Ummah führen könnte, lehnte ab [55]: „Nein, bei Allah! Wir werden zu ihnen gehen und dies offen besprechen!“ [55].

In der Saqifah angekommen, wurden die Muhajirun mit den stolzen Worten der Ansar konfrontiert [55]: „Wir sind die Helfer Allahs und das stolze Heer des Islams, und ihr, o معشر المهاجرين, seid nur eine kleine Gruppe [رهط] in unserer Mitte!“ [55].

Umar ibn al-Khattab berichtet später im Sahih al-Bukhari, dass er eine flammende, rhetorisch brillante Rede in seinem Geist vorbereitet hatte [55]. Doch als er sprechen wollte, hielt Abu Bakr ihn sanft am Arm zurück [55]. Umar gestand später ein, dass Abu Bakr jedes einzelne Argument, das er sich mühsam zurechtgelegt hatte, mit einer noch erhabeneren, milderen und wirkungsvolleren Sprache vortrug [55].

III. Das Gesetz der unbändigen Wüste (Asabiyyah)

Abu Bakr erkannte die Verdienste der Ansar in vollstem Maße an [55]. Doch er konfrontierte sie mit einer unerbittlichen geopolitischen und soziologischen Realität der arabischen Halbinsel [55]:

Die Araber waren ein Volk von unbändigem Stolz und absoluter Freiheitliebe (Dhu anfin wa-iba’ / ذُو أَنْفٍ وَإِبَاءٍ) [55]. Sie rühmten sich in ihren Gedichten seit Jahrhunderten damit, dass sie niemals Könige akzeptierten und sich keinem fremden Gesetz beugten [55]. Die unbändigen Wüstenstämme der Halbinsel würden sich niemals der Herrschaft eines medinensischen Stammes (Aus oder Khazraj) unterwerfen [55]. Dies hätte sofort zu internen Stammeskriegen und dem sofortigen Kollaps des Reiches geführt [55]. Der einzige Stamm, dessen traditionelle religiöse und politische Vormachtstellung von allen Arabern aufgrund der Hüterschaft über die Kaaba (الكعبة) bedingungslos akzeptiert wurde, war Quraisch (قريش) [55].

Als der tapfere Ansar-Krieger Al-Hubab ibn al-Mundhir (الْحُبَابُ بْنُ الْمُنْذِرِ) – der mit der Entscheidung zutiefst unzufrieden war und die drohende Marginalisierung seiner Leute spürte – jenen verzweifelten Kompromiss der Doppelherrschaft vorschlug [55]:

«مِنَّا أَمِيرٌ وَمِنْكُمْ أَمِيرٌ»

„Ein Emir von uns und ein Emir von euch!“ [55]

…da schritt Umar ibn al-Khattab mit der eisernen Logik des Staatsrechts ein [55]:

«سَيْفَانِ فِي غِمْدٍ وَاحِدٍ لَا يَجْتَمِعَانِ»

„Zwei Schwerter passen niemals in eine einzige Scheide!“ [55]

Ein geteiltes System an der Spitze des Staates hätte die Ummah in Sekundenschnelle in den Abgrund der Anarchie gerissen [55].

IV. Der Retter der Einheit: Zayd ibn Thabit (زيد بن ثابت)

In diesem Moment des drohenden Bruchs, als die Stimmen lauter wurden und der Raum mit politischer Elektrizität geladen war, trat der geniale junge Ansar Zayd ibn Thabit (زيد بن ثابت) vor [55]. Er war ein Khazrajite aus demselben Stamm wie der kranke Sa’d ibn Ubadah [55]. Er begriff die staatsmännische Notwendigkeit und richtete seine flammenden Worte direkt an seine eigenen Stammesbrüder [55]:

«إِنَّ رَسُولَ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ كَانَ مِنَ الْمُهَاجِرِينَ، وَإِنَّ خَلِيفَتَهُ يَكُونُ مِنَ الْمُهَاجِرِينَ، وَكَمَا كُنَّا أَنْصَارَ رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ فَنَحْنُ أَنْصَارُ خَلِيفَتِهِ مِنْ بَعْدِهِ»

„Wahrlich, der Gesandte Allahs ﷺ war ein Auswanderer [Muhajir], so muss auch sein Nachfolger aus den Auswanderern stammen! Und so wie wir die Helfer [Ansar] des Gesandten Allahs ﷺ waren, so werden wir die Helfer seines Nachfolgers nach ihm sein!“ [55]

Dieses theologische und politische Argument brach das Eis [55]. Als Abu Bakr nun vorschlug, Umar oder Abu Ubaidah zu wählen, rief Umar voller Erfurcht jene Worte aus, die seine unendliche Demut vor Abu Bakrs spirituellem Rang belegen [55]:

«أَيُّكُمْ تَرْضَى نَفْسُهُ أَنْ يَتَقَدَّمَ أَبَا بَكْرٍ؟»

„Wer von euch würde es im Innersten seiner Seele ertragen, sich vor Abu Bakr zu stellen?“ [55]

Und er fügte hinzu [55]:

«لَأَنْ أُقَدَّمَ فَتُضْرَبَ عُنُقِي - لَا يُقَرِّبُنِي ذَلِكَ مِنْ إِثْمٍ - أَحَبُّ إِلَيَّ مِنْ أَنْ أَتَأَمَّرَ عَلَى قَوْمٍ فِيهِمْ أَبُو بَكْرٍ»

„Dass ich vorgeführt werde, um mir den Kopf abschlagen zu lassen – solange mich dies keiner Sünde nahebringt –, ist mir unendlich lieber, als dass ich ein Volk anführe, unter dem sich Abu Bakr befindet!“ [55]

Umar ergriff Abu Bakrs Hand, schwor ihm den Treueeid, und die gesamte Versammlung folgte ihm in absolutem Konsens [55].

V. Das Schicksal von Sa’d ibn Ubadah

Wie verhielt sich der unterlegene Kandidat Sa’d ibn Ubadah? Die historische Wahrheit ist frei von jeglicher Tyrannei [55]. Er verweigerte zwar den Treueeid, weil er seine politische Überzeugung nicht beugen wollte [55]. Doch er zettelte keine Rebellion an, griff nicht zu den Waffen und spaltete die Gemeinschaft nicht [55]. Und die erhabene Gerechtigkeit von Abu Bakr zeigt sich darin, dass er Sa’d in absoluter Ruhe leben ließ und ihn niemals mit Gewalt zur Baj’ah zwang [55]. Er respektierte sein Schweigen, solange dieses Schweigen den Staat nicht bedrohte [55].


4. Das bewusste Schweigen des Textes: Ein Akt göttlicher Barmherzigkeit

Hier stoßen wir auf eine tiefe theologische Frage, die das Herzstück des sunnitischen Staatsverständnisses bildet [55]: Warum hat der Prophet ﷺ vor seinem Tod keinen Nachfolger explizit beim Namen genannt? Warum hinterließ er uns nur subtile, administrative Signale – wie den unmissverständlichen Befehl, dass Abu Bakr das Pflichtgebet leiten soll? [55]

Die Antwort der klassischen Gelehrsamkeit legt die unermessliche Barmherzigkeit Allahs offen [55]: Hätte der Prophet ﷺ seinen Nachfolger durch ein unantastbares göttliches Dekret (Nass Taschri’i / نَصٌّ تَشْرِيعِيٌّ) dekretiert, wäre die politische Führung für alle Zeiten zu einem starren religiösen Dogma erstarrt [55]. Die Ummah hätte jegliche politische Freiheit, Flexibilität und Eigenverantwortung verloren [55]. Jede Abweichung von diesem Herrscher wäre als Ketzerei eingestuft worden [55].

Indem der Prophet ﷺ schwieg, schenkte er der Ummah das wertvollste Gut: die unschätzbare Würde der freien Beratung und Wahl (الشورى / Schura) [55]. Er verankerte das Prinzip, dass der Kalif kein absolutistischer, gottgesandter Monarch ist, sondern ein vom Volk gewählter Treuhänder (وكيل / Wakil), der der Gemeinschaft Rechenschaft schuldet [55]. Der Islam etablierte somit das Prinzip der Volkssouveränität unter der Herrschaft der Scharia, Jahrhunderte bevor Europa überhaupt an das Ende des Feudalismus dachte [55].


5. Die Richtigstellung der historischen Legende um Ali ibn Abi Talib

Wir müssen die historischen Mythen, die von sektiererischen Strömungen und böswilligen Historikern verbreitet werden, mit aller Kraft der wissenschaftlichen Beweisführung zerschlagen [55]. Sie behaupten, Ali (علي بن أبي طالب) sei von Abu Bakr und Umar um sein Recht betrogen worden und es habe eine lebenslange, bittere Feindschaft zwischen ihnen geherrscht [55].

Versetze dich in Alis Lage, um seine Psychologie unvoreingenommen zu verstehen [55]: Während die Saqifah stattfand, war er – als engster Verwandter – damit beschäftigt, den Leichnam des Propheten ﷺ zu waschen, einzubalsamieren und zu begraben [55]. Als er heraustrat, war die Entscheidung bereits gefallen [55]. Es ist nur zutiefst menschlich, dass er in diesem Moment einen kurzen Schmerz in seiner Brust verspürte, weil er bei dieser existentiellen Entscheidung nicht konsultiert worden war [55]. Umar ging sofort zu ihm, erklärte die geostrategische Eile des Treffens und versicherte ihm, dass niemand ihn übergehen wollte [55]. Ali verstand und akzeptierte dies [55].

Ali war kein kleinlicher, machtgieriger Politiker [55]. Er kannte die absolute Vorzüglichkeit Abu Bakrs [55]. Als sein eigener Sohn, Muhammad ibn al-Hanafiyyah (مُحَمَّدُ بْنُ الْحَنَفِيَّةِ), ihn fragte: „Vater, wer ist der beste Mensch nach dem Gesandten Allahs ﷺ?“, antwortete Ali ohne das geringste Zögern [55]:

«أَبُو بَكْرٍ!»

„Abu Bakr!“ [55]

Sein Sohn fragte weiter: „Und wer dann?“ Ali antwortete: „Umar!“ [55]. Aus Sorge, sein Vater würde auch noch Uthman nennen, schob sein Sohn schnell ein: „Und dann du?“ Ali lächelte weise und entgegnete demütig [55]: „Ich bin nur ein einfacher Mann unter den Muslimen [إنَّمَا أَنَا رَجُلٌ مِنَ النَّاسِ]“ [55].

Ali leistete Abu Bakr bereitwillig den Treueeid und diente als oberster Richter des Reiches [55]. Er war so unerbittlich in seiner Verteidigung der Ehre der ersten beiden Kalifen, dass von ihm aus über vierzig verschiedenen Überlieferungswegen (أكثر من 40 وجهاً) folgendes eiserne Gesetz überliefert ist [55]:

«لَا أُوتَى بِأَحَدٍ يَفْضُلُنِي عَلَى أَبِي بَكْرٍ وَعُمَرَ إِلَّا جَلَدْتُهُ حَدَّ الْمُفْتَرِي»

„Niemals wird mir ein Mann vorgeführt werden, der mich über Abu Bakr oder Umar stellt, ohne dass ich ihn mit der Auspeitschung des Verleumders [حد المفتري] bestrafen werde!“ [55]

Das herzerwärmendste historische Zeugnis, das im Sahih al-Bukhari dokumentiert ist, zeigt die tiefe familiäre Liebe zwischen diesen Giganten [55]: Nur wenige Tage nach dem Tod des Propheten ﷺ ging Abu Bakr auf den Straßen Medinas spazieren [55]. Er sah den kleinen Hasan ibn Ali (الحسن بن علي) spielen [55]. Abu Bakr hob das Kind gerührt auf seine Schultern, drückte es fest an sich und rief liebevoll aus [55]:

«بِأَبِي شَبِيهٌ بِالنَّبِيِّ، لَا شَبِيهٌ بِعَلِيٍّ»

„Möge mein Vater sein Lösegeld sein! Er sieht dem Propheten ﷺ ähnlich und nicht Ali!“ [55]

Ali stand direkt daneben und lachte aus tiefstem Herzen über diese Geste der Liebe [55]. Wer nach diesem Zeugnis noch an eine tief verwurzelte Feindschaft glaubt, dessen Herz ist blind für die historische Wahrheit [55].


6. Die Apostasiekriege (حروب الردة): Der Schutz der staatlichen Souveränität

Hier stehen wir vor einem Thema, bei dem viele zeitgenössische Muslime unter dem moralischen Druck des westlichen Liberalismus in eine defensive Haltung verfallen [55]. Die Kritiker fragen dich mit triumphierender Stimme: „Der Koran sagt doch eindeutig: ‚Es gibt keinen Zwang im Glauben‘ (لا إكراه في الدين) [55]. Wie konnte Abu Bakr dann die abtrünnigen arabischen Stämme mit dem Schwert bekämpfen und sie zwingen, im Islam zu verbleiben?“ [55].

Antworte ihnen mit dem unbestechlichen Gesetz des Völkerrechts und der historischen Logik! [55]

I. Die freiwillige Unterwerfung im عام الوفود

„Kein Zwang im Glauben“ bedeutet, dass wir niemals einen Nichtmuslim unter Androhung von Gewalt zur Annahme des Islams zwingen dürfen [55]. Jene Stämme jedoch, gegen die Abu Bakr die Apostasiekriege führte, waren keine Außenstehenden [55]. Sie hatten den Islam im berühmten Jahr der Delegationen (عام الوفود – 9 n.H.) völlig freiwillig und ohne jeden militärischen Zwang angenommen [55]. Sie waren vollwertige Bürger des Staates geworden und hatten einen feierlichen Treueid geschworen [55].

II. Die Epidemie der falschen Propheten

Nach dem gewaltigen geopolitischen Erfolg des Propheten ﷺ keimte in den Köpfen stolzer Stammeshäuptlinge die Idee auf, die Prophetie als Instrument für imperiale Machtpolitik zu missbrauchen [55]. Es entstanden falsche Propheten wie Musaylimah der Lügner (مُسَيْلِمَةُ الْكَذَّابُ), der dem Propheten ﷺ kurz vor dessen Tod jenen unverschämten Brief schrieb [55]:

«مِنْ مُسَيْلِمَةَ رَسُولِ اللَّهِ إِلَى مُحَمَّدٍ رَسُولِ اللَّهِ: أَمَّا بَعْدُ، فَإِنَّ لَنَا نِصْفَ الْأَرْضِ وَلِقُرَيْشٍ نِصْفَ الْأَرْضِ، وَلَكِنَّ قُرَيْشًا قَوْمٌ يَعْتَدُونَ»

„Von Musaylimah, dem Gesandten Allahs, an Muhammad, den Gesandten Allahs: Sodann, uns gehört die Hälfte der Erde, und den Quraisch gehört die Hälfte der Erde, doch die Quraisch sind ein Volk, das überschreitet.“ [55]

Der Prophet ﷺ antwortete ihm mit majestätischer Gelassenheit [55]:

«مِنْ مُحَمَّدٍ رَسُولِ اللَّهِ إِلَى مُسَيْلِمَةَ الْكَذَّابِ: أَمَّا بَعْدُ، فَإِنَّ الْأَرْضَ لِلَّهِ يُورِثُهَا مَنْ يَشَاءُ مِنْ عِبَادِهِ، وَالْعَاقِبَةُ لِلْمُتَّقِينَ»

„Von Muhammad, dem Gesandten Allahs, an Musaylimah den Lügner: Sodann, die Erde gehört Allah, Er lässt sie erben, wen Er will von Seinen Dienern, und das Ende gehört den Gottesfürchtigen.“ [55]

Die Verblendung der Stämme war rein tribalistischer Natur, frei von jeder Suche nach Wahrheit [55]. Ein Mann aus dem Stamm der Banu Hanifah sagte offen über Musaylimah [55]:

«إِنِّي لَأَعْلَمُ أَنَّ مُحَمَّدًا صَادِقٌ وَأَنَّ مُسَيْلِمَةَ كَذَّابٌ، وَلَكِنْ كَذَّابُ رَبِيعَةَ أَحَبُّ إِلَيْنَا مِنْ صَادِقِ مُضَرَ»

„Wahrlich, ich weiß, dass Muhammad wahrhaftig ist und Musaylimah ein Lügner, aber der Lügner von Rabi’ah ist uns lieber als der Wahrhaftige von Mudar!“ [55]

III. Die Verweigerung der Zakat als Staatsverbrechen

Die dritte Gruppe der Rebellen betete zwar weiterhin, weigerte sich jedoch, die Zakat (الزكاة) an die Staatskasse in Medina zu entrichten [55]. Sie sagten: „Wir zahlten die Zakat nur an Muhammad. Abu Bakr ist für uns wie ein König, und wir zahlen keinem König einen Tribut!“ [55].

Für den stolzen Araber war das Bezahlen von Abgaben (Ita’ah / إِتَاوَة) das ultimative Zeichen der Unterwerfung und der Erniedrigung (Ita’atu Ta’ah / الْإِتَاوَةُ طَاعَةٌ) [55]. Abu Bakr verstand jedoch, dass die Zakat keine optionale private Spende ist, sondern das finanzielle, soziale und militärische Fundament des Staates [55]. Seine eiserne Haltung rettete die Integrität der Religion [55]:

«وَاللَّهِ لَأُقَاتِلَنَّ مَنْ فَرَّقَ بَيْنَ الصَّلَاةِ وَالزَّكَاةِ، فَإِنَّ الزَّكَاةَ حَقُّ الْمَالِ، وَاللَّهِ لَوْ مَنَعُونِي عِقَالاً كَانُوا يُؤَدُّونَهُ إِلَى رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللَّهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ لَقَاتَلْتُهُمْ عَلَى مَنْعِهِ»

„Bei Allah! Ich werde unerbittlich jeden bekämpfen, der einen Unterschied zwischen dem Gebet und der Zakat macht! Denn die Zakat ist das Recht, das auf dem Besitz liegt. Und bei Allah: Wenn sie mir auch nur ein Kamelfessel-Seil [عِقَالاً / Iqal] verweigern, das sie dem Gesandten Allahs ﷺ zu entrichten pflegten – ich werde sie unbarmherzig für dessen Verweigerung bekämpfen!“ [55]

IV. Die moderne Analogie des Hochverrats (Al-Khiyanah al-Uzma)

Versetze dich in die Gegenwart [55]. Du wirst in einem modernen Nationalstaat geboren [55]. Du genießt alle Privilegien: Du nutzt die Infrastruktur, besuchst die Schulen, wirst medizinisch versorgt und besitzt den Reisepass [55]. Eines Tages stellst du dich auf den Marktplatz und verkündest: „Ich kündige meine Loyalität zu diesem Staat! Ich gründe auf meinem Grundstück mein eigenes, unabhängiges Territorium, verweigere fortan alle Steuern und arbeite mit einer feindlichen ausländischen Macht zusammen, um diesen Staat zu stürzen!“ [55].

Was macht dieser Staat mit dir? Er klagt dich wegen Hochverrats (الخيانة العظمى / Al-Khiyanah al-Uzma) an [55]! Und jedes Gesetzbuch auf diesem Planeten – ob demokratisch oder autoritär – ahndet Hochverrat im Ernstfall mit der härtesten Strafe [55]. Niemand im Westen protestiert dagegen, weil für sie die Souveränität des Staates das absolute Heiligtum ist [55].

Im Islam ist jedoch das Heiligtum der Glaube und die unteilbare Einheit der Ummah (الدين ووحدة الأمة) [55]. Die rasant um sich greifende Bewegung der Apostasie (Al-Riddah) war kein harmloser „Austritt aus einer Kirche“ [55]. Es war eine bewaffnete, existenzielle, geostrategische Rebellion, die den Staat in Medina vollständig auslöschen wollte [55].

Dr. Elhamy dekonstruiert hierbei die säkulare Psychologie [55]: Die Moderne hat das Sakrale aus der Religion entfernt und in den Staat verlagert [55]. Deshalb tolerieren die Menschen drakonische Gesetze gegen Landesverrat, geraten aber in helle Aufregung, wenn eine religiöse Gemeinschaft ihre Fundamente vor dem inneren Zerfall schützt [55].


7. Die strategische Meisterleistung des Heeres von Usamah ibn Zayd

Inmitten dieser existenziellen Krise, als die gesamte Halbinsel brannte und Medina von Feinden belagert wurde, bewies Abu Bakr eine strategische Klarheit, die alle militärischen Logiken auf den Kopf stellte [55]. Er bestand darauf, das Expeditionsheer unter dem 17-jährigen Jüngling Usamah ibn Zayd (أُسَامَةُ بْنُ زَيْدٍ) in den Norden gegen die Byzantiner auszusenden, wie es der Prophet ﷺ kurz vor seinem Tod befohlen hatte [55].

Die ältesten und erfahrensten Gefährten flehten ihn an [55]: „O Abu Bakr, behalte die Männer hier! Wir benötigen jedes Schwert, um Medina vor den herannahenden Rebellenstämmen zu schützen! Und wenn du das Heer unbedingt aussenden willst, dann ersetze diesen jungen Knaben Usamah durch einen erfahrenen älteren General!“ [55].

Abu Bakr wurde von einem heiligen Zorn gepackt, packte Umar am Bart und rief aus [55]: „Möge deine Mutter dich verlieren, o Sohn des Khattab! Der Gesandte Allahs ﷺ hat ihn eingesetzt, und du verlangst von mir, dass ich ihn absetze? Bei Allah, ich werde dieses Heer aussenden, selbst wenn die wilden Bestien in Medina eindringen und die Frauen des Propheten verschleppen!“ [55].

Dieses scheinbar unvernünftige Festhalten an der prophetischen Anweisung erwies sich als der genialste geostrategische Schachzug der Epoche [55]. Als das muslimische Heer stolz nach Norden marschierte, klammerten die rebellischen Stämme im Umland in ihren Territorien [55]. Sie blickten voller Ehrfurcht auf dieses Heer und sagten zögernd [55]:

„Sie würden niemals ein gewaltiges Heer gegen die Weltmacht Byzanz aussenden, wenn sie im Zentrum in Medina nicht über unermessliche, unbesiegbare Reserven verfügen würden!“ [55]

Die strategische Abschreckung funktionierte perfekt [55]. Das Heer erfüllte seine Mission im Norden siegreich, kehrte unbeschadet zurück, und Medina blieb unberührt [55]. Abu Bakr bewies damit, dass der unerschütterliche Gehorsam gegenüber dem prophetischen Erbe die höchste Form der politischen und militärischen Weisheit ist [55].


Gegründet auf den historischen Analysen von Dr. Mohamed Elhamy in Episode 16. [55]

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