Visual HistoryChronik des islamischen Imperiums
Dynastie

Die Rechtgeleiteten Kalifen

الْخُلَفَاءُ الرَّاشِدُونَ
632–661 n.Chr. · 11–41 n.H.

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Die Rechtgeleitete Khilafah (الخلافة الراشدة): Das Zeitalter des Menschen und der unerschütterliche Maßstab der GerechtigkeitDr. Muhammad Elhamy

Die Rechtgeleitete Khilafah (الخلافة الراشدة): Das Zeitalter des Menschen und der unerschütterliche Maßstab der Gerechtigkeit

Eine wissenschaftliche Richtigstellung, geschichtliche Systematisierung und die Etablierung des unvergänglichen Vorbilds auf Basis der Analysen von Dr. Mohamed Elhamy [56]


1. Die Dekonstruktion des Begriffs „Goldenes Zeitalter“: Der Vorrang des Menschen vor dem Prachtbau

Wenn du die Geschichte von Zivilisationen betrachtest, wirst du feststellen, dass der weltliche Maßstab stets an Steinen, Monumenten und prunkvollen Palästen gemessen wird [57]. Man zeigt dir die hoch aufragenden Minarette von Córdoba (قرطبة), die prächtigen Bibliotheken von Bagdad (بغداد) oder die geometrischen Wunderwerke der Alhambra (الحمراء) und raunt voller Bewunderung: „Seht her, das ist das Goldene Zeitalter!“ [57]. Doch dieser rein materialistische Blickwinkel ist eine schwerwiegende Täuschung, die uns durch den westlichen und säkularen Historismus aufgezwungen wurde [57, 58].

Für uns Muslime ist das wahre Goldene Zeitalter – die unübertroffene Spitze der menschlichen Entwicklung – eine Epoche, die äußerlich von Einfachheit, Lehmhäusern und staubigen Wegen geprägt war [57]. Es gab keine vergoldeten Kuppeln, keine astronomischen Observatorien und keine imperialen Prachtstraßen [57]. Und doch war es die strahlendste Ära der Erde [57, 58]. Warum? Weil der Maßstab des islamischen Goldenen Zeitalters nicht der Prachtbau (العمران / Al-Imran) ist, sondern der Mensch (الإنسان / Al-Insan)! [57]

Es war ein Zeitalter, in dem der Mensch in absoluter Würde (Al-Karamah / الكرامة) lebte [57]. Es war eine Ära, in dem kein Machthaber das Volk knechtete, in der Gerechtigkeit (Al-Adl / العدل) kein hohler Verfassungsparagraf war, sondern die alltägliche Realität auf den Straßen von Medina (المدينة المنورة) [57, 58]. Es war jene Zeit, in der die Herrscher auf einfachen Matten schliefen, während ihre hearts vor Gottesfurcht bebten, und in der die schwächsten Mitglieder der Gemeinschaft die absolute Gewissheit hatten, dass ihr Recht unantastbar war [57, 77].

Die Epoche der Rechtgeleiteten Khilafah (الخلافة الراشدة) ist die vollkommene Manifestation dieses Prinzips [57]. Wer diese Ära herabwürdigt, weil sie keine gigantischen architektonischen Hinterlassenschaften vorweisen kann, beweist nur, dass sein eigener Verstand durch den Materialismus der Moderne kolonisiert wurde [57, 58].


2. Der prophetische Fahrplan der Epochen: Die Phasen der Ummah

Ihr müsst verstehen, dass dieser geschichtliche Abschnitt von dreißig Jahren kein zufälliges, politisches Vakuum war [56, 60]. Er war Teil eines präzisen, vom Propheten Muhammad ﷺ im Voraus angekündigten Fahrplans der islamischen Geschichte [59, 60]. In einer berühmten, authentischen Überlieferung im Musnad von Imam Ahmad beschrieb der Prophet ﷺ die Phasen, die diese Ummah (الأمة) durchlaufen wird [59, 60]:

«تَكُونُ النُّبُوَّةُ فِيكُمْ مَا شَاءَ اللَّهُ أَنْ تَكُونَ، ثُمَّ يَرْفَعُهَا إِذَا شَاءَ أَنْ يَرْفَعَهَا، ثُمَّ تَكُونُ خِلَافَةٌ عَلَى مِنْهَاجِ النُّبُوَّةِ، فَتَكُونُ مَا شَاءَ اللَّهُ أَنْ تَكُونَ، ثُمَّ يَرْفَعُهَا إِذَا شَاءَ أَنْ يَرْفَعَهَا، ثُمَّ تَكُونُ مُلْكًا عَضُوضًا، فَيَكُونُ مَا شَاءَ اللَّهُ أَنْ تَكُونَ، ثُمَّ يَرْفَعُهَا إِذَا شَاءَ أَنْ يَرْفَعَهَا، ثُمَّ تَكُونُ مُلْكًا جَبْرِيَّةً، فَيَكُونُ مَا شَاءَ اللَّهُ أَنْ تَكُونَ، ثُمَّ يَرْفَعُهَا إِذَا شَاءَ أَنْ يَرْفَعَهَا، ثُمَّ تَكُونُ خِلَافَةً عَلَى مِنْهَاجِ النُّبُوَّةِ ثُمَّ سَكَتَ»

„Die Prophetie wird unter euch weilen, solange Allah es will. Dann wird Er sie aufheben, wenn Er sie aufheben will. Daraufhin wird eine Khilafah auf der Methodik der Prophetie folgen, und sie wird weilen, solange Allah es will. Dann wird Er sie aufheben, wenn Er sie aufheben will. Daraufhin wird ein beißendes Königtum folgen, und es wird weilen, solange Allah es will. Dann wird Er es aufheben, wenn Er es aufheben will. Daraufhin wird ein tyrannisches Königtum folgen, und es wird weilen, solange Allah es will. Dann wird Er es aufheben, wenn Er es aufheben will. Daraufhin wird wieder eine Khilafah auf der Methodik der Prophetie eintreffen. Und hierauf schwieg er.“ [59, 60]

Dr. Elhamy analysiert diese Phasen mit scharfsinniger Präzision [59, 60, 61, 62]:

  1. Die Epoche der Prophetie (النبوة): Die absolute Ära des Lichts, geführt durch den fehlerfreien, direkt vom Himmel inspirierten Gesandten Allahs ﷺ [59, 61].
  2. Die Rechtgeleitete Khilafah (الخلافة الراشدة): Die Führung durch Menschen, die zwar fehlbar waren, aber exakt nach den prophetischen Prinzipien regierten [59, 60].
  3. Das beißende Königtum (الملك العضود): Das Zeitalter der dynastischen Erbmonarchien (wie die Umayyaden, Abbasiden und Osmanen) [59, 61]. Es wird „beißend“ genannt, weil die Herrscher sich fest an den Thron klammerten [59, 61]. Dennoch herrschte in dieser Epoche die Scharia (الشريعة) weiterhin unangefochten als oberstes Gesetz des Landes, und die weltliche Macht schützte den Glauben und die Grenzen der Ummah [59, 61, 62].
  4. Das tyrannische Königtum (الملك الجبري): Die Ära des Terrors, des Zwangs, der Fremdherrschaft und der Missachtung der Scharia [59, 62]. Es ist das Zeitalter der kolonialen Zerstückelung und der heutigen Marionettenregimes, unter denen wir gegenwärtig leben [62, 65].
  5. Die Rückkehr der Khilafah: Die verheißene Zukunft, die auf der Methodik der Prophetie ruhen wird [60, 64].

Die mathematische Präzision der Dreißig Jahre

Der Prophet ﷺ nannte uns in einer weiteren authentischen Überlieferung über seinen Gefährten Safinah (سفينة) die exakte Dauer dieser zweiten Phase [60]:

«الْخِلَافَةُ بَعْدِي ثَلَاثُونَ سَنَةً»

„Die Khilafah nach mir wird dreißig Jahre dauern.“ [60]

Wenn du die geschichtlichen Daten mit mathematischer Strenge nachrechnest, wirst du von der prophetischen Präzision ergriffen sein [60]: Der Prophet ﷺ verstarb im Monat Rabi’ al-Awwal des Jahres 11 nach der Hidschra (Juni 632 n.Chr.) [60]. Genau dreißig Jahre später, im Monat Rabi’ al-Awwal des Jahres 41 nach der Hidschra (Juli 661 n.Chr.), dankte Al-Hasan ibn Ali (الحسن بن علي) freiwillig ab, um die Herrschaft an Muawiyah zu übergeben, um das gespaltene Blut der Muslime zu einen [17, 60]. Dies markierte das Ende der dreißig Jahre auf den Monat genau [60]!


3. Der fundamentale Unterschied zwischen dem Propheten und den Kalifen: Warum wir dieses Modell brauchen

Du musst verstehen, warum der Allmächtige uns diese dreißig Jahre der Rechtgeleiteten Kalifen geschenkt hat [56]. Als der Prophet Muhammad ﷺ auf Erden weilte, war das politische und administrative System durch die Unfehlbarkeit (Ismah / عصمة) und die ununterbrochene Verbindung zum Himmel durch den Offenbarungsengel geschützt [14]. Wenn die Gefährten in einer politischen oder strategischen Frage zweifelten, stieg der Engel herab und löste das Dilemma auf der Stelle [14].

Als beispielsweise nach der Schlacht von Badr die Frage im Raum stand, wie mit den Gefangenen verfahren werden soll, offenbarte Allah den richtungsweisenden Maßstab [14]. Als die Gefährten in der Schlacht von Uhud den strategischen Anweisungen nicht folgten und dies zu einer schmerzhaften Niederlage führte, korrigierte der herabgesandte Koran sie nicht mit Zorn, sondern lehrte sie das Wesen der Beratung [15].

Mit dem Ableben des Propheten ﷺ erlosch jedoch die Offenbarung für immer [14]. Hier stand die junge Ummah vor einem existenziellen Scheideweg: Ist der Islam als politische und gesellschaftliche Ordnung mit dem Tod seines Gründers gescheitert? [14]

Hätte Allah uns kein menschliches, fehlbares und dennoch meisterhaftes Modell hinterlassen, wie Muslime sich selbst ohne einen Propheten regieren können, wären wir in eine unlösbare Krise gestürzt [14, 19]. Wir hätten nicht gewusst, wie wir die ewigen Prinzipien des Korans in der rauen, weltlichen Realität anwenden sollen [14, 15].

Die Rechtgeleiteten Kalifen waren Menschen [16]. Sie machten Fehler, sie besaßen unterschiedliche Temperamente, sie stritten sich in politischen Angelegenheiten, und sie wurden von der Opposition kritisiert [16, 17]. Und genau aus diesem Grund ist ihre Regierungszeit nicht nur ein historischer Zufall, sondern ein integraler Bestandteil des islamischen Glaubens [15]. Aus diesem Grund befahl uns der Prophet ﷺ:

«فَعَلَيْكُمْ بِسُنَّتِي وَسُنَّةِ الْخُلَفَاءِ الرَّاشِدِينَ الْمَهْدِيِّينَ مِنْ بَعْدِي، عَضُّوا عَلَيْهَا بِالنَّوَاجِذِ»

„So haltet euch an meine Sunnah und die Sunnah der rechtgeleiteten, rechtweisenden Kalifen nach mir; beißt darauf mit euren Backenzähnen!“ [15]

Wir lernen von ihnen den praktischen Umgang mit Meinungsverschiedenheiten, die Organisation der Verwaltung, das Recht der Opposition und die Verteilung des Wohlstands [17, 18]. Ohne dieses unschätzbare Modell wäre die politische Dimension des Islams ein unerreichbarer Traum geblieben [19].


4. Die zwei unumstößlichen Säulen des islamischen Systems

Dr. Elhamy legt dar, dass die Rechtgeleitete Khilafah deshalb der unerreichte Maßstab ist, weil in ihr die beiden fundamentalen Säulen des islamischen politischen Systems in vollkommener Reinheit verwirklicht waren [61]:

  1. Das absolute Herrschaftsrecht der Scharia (الحكم بالشريعة): Kein Gesetz, kein Dekret und kein Wille eines Herrschers durfte über dem geoffenbarten Gesetz Allahs stehen [61]. Der Kalif war kein Gesetzgeber, sondern der oberste Diener und Vollstrecker des göttlichen Gesetzes [18, 61, 99].
  2. Die freie Wahl und Zustimmung der Ummah (اختيار الأمة / الشورى): Kein Kalif erlangte die Macht durch Erbschaft, dynastische Thronfolge oder durch die Gewalt des Schwertes [61]. Jeder von ihnen wurde durch den freien Konsens der Muslime (Al-Bay’ah / البيعة) legitimiert [61].

Als der Übergang zum beißenden Königtum stattfand, brach eine dieser Säulen ein: Die freie Wahl des Herrschers ging verloren und wich der Erbfolge [61]. Doch die erste Säule – das Herrschaftsrecht der Scharia – blieb unerschüttert bestehen [61, 62]. Erst im tyrannischen Königtum der Moderne brachen beide Säulen gleichzeitig in sich zusammen, was zum tiefsten Absturz unserer Geschichte führte [62].


5. Die individuellen Meisterleistungen der vier Giganten

Die Einzigartigkeit dieser Epoche liegt in den vollkommen unterschiedlichen Charakteren der Kalifen, die uns in jeder Lebens- und Staatslage als zeitloses Vorbild dienen [56, 73]:

I. Abu Bakr as-Siddiq (أبو بكر الصديق): Der Begründer der Scharia-Politik

Obwohl seine Regierungszeit mit nur zwei Jahren und drei Monaten die kürzeste war, leistete er Übermenschliches [77, 81]. Er übernahm einen Staat, dessen Hauptstadt Medina von feindlichen Stämmen belagert wurde und dessen Grenzen einzustürzen drohten [81]. Er hinterließ diesen Staat als globale Großmacht [81].

Abu Bakr ist der wahre Begründer der praktischen Scharia-basierten Politik (السياسة الشرعية) [77]. Seine allererste Rede nach der Wahl ist die präziseste Zusammenfassung dieses gesamten Wissenschaftszweiges [77]:

«وُلِّيتُ عَلَيْكُمْ وَلَسْتُ بِخَيْرِكُمْ، فَإِنْ أَحْسَنْتُ فَأَعِينُونِي، وَإِنْ أَسَأْتُ فَقَوِّمُونِي، الصِّدْقُ أَمَانَةٌ، وَالْكَذِبُ خِيَانَةٌ، وَالضَّعِيفُ فِيكُمْ قَوِيٌّ عِنْدِي حَتَّى أُرِيحَ عَلَيْهِ حَقَّهُ إِنْ شَاءَ اللَّهُ، وَالْقَوِيُّ فِيكُمْ ضَعِيفٌ عِنْدِي حَتَّى آخُذَ الْحَقَّ مِنْهُ إِنْ شَاءَ اللَّهُ، لَا يَدَعُ قَوْمٌ الْجِهَادَ فِي سَبِيلِ اللَّهِ إِلَّا ضَرَبَهُمُ اللَّهُ بِالذُّلِّ، وَلَا تَشِيعُ الْفَاحِشَةُ فِي قَوْمٍ قَطُّ إِلَّا عَمَّهُمُ اللَّهُ بِالْبَلَاءِ، أَطِيعُونِي مَا أَطَعْتُ اللَّهَ وَرَسُولَهُ، فَإِنْ عَصَيْتُ اللَّهَ وَرَسُولَهُ فَلَا طَاعَةَ لِي عَلَيْكُمْ»

„Ich wurde über euch als Herrscher eingesetzt, obwohl ich nicht der Beste von euch bin. Wenn ich Gutes tue, so helft mir; und wenn ich Fehltritte begehe, so korrigiert mich! Wahrheit ist eine Treuhand, und Lüge ist Verrat. Der Schwache unter euch ist stark in meinen Augen, bis ich ihm sein Recht zurückerstattet habe, so Allah will. Und der Starke unter euch ist schwach in meinen Augen, bis ich ihm das Recht wieder entzogen habe, so Allah will. Kein Volk verlässt den Dschihad auf dem Wege Allahs, ohne dass Allah sie mit Erniedrigung schlägt. Und niemals breitet sich die Schamlosigkeit in einem Volk aus, ohne dass Allah sie mit Heimsuchung straft. Gehorcht mir, solange ich Allah und Seinem Gesandten gehorche. Doch wenn ich Allah und Seinem Gesandten ungehorsam werde, so habe ich keinerlei Anrecht auf euren Gehorsam!“ [77]

In dieser kurzen Botschaft zertrümmert Abu Bakr jeglichen theokratischen Herrschaftsanspruch [78]. Er erklärt, dass der Gehorsam des Volkes an die Gesetzstreue des Herrschers gegenüber Allah gebunden ist [77].

Zudem bewies er eine unübertreffliche strategische Standhaftigkeit, als er die Rebellion der falschen Propheten (Musaylimah, Tulayhah, Sajah, Al-Aswad al-Ansi) niederschlug [27, 28]. Diese Opportunisten erkannten, dass der Prophet ﷺ durch die göttliche Botschaft die unbändigen Araber geeint hatte, und versuchten feige, dieses Modell für ihre eigene Herrschaftsgier zu kopieren [27]. Abu Bakr rettete in dieser existenziellen Krise nicht nur Medina vor der Vernichtung, sondern sammelte auch die verstreuten Schriften des Korans nach dem Tod zahlreicher Recitatoren in den Apostasiekriegen auf Anraten Umars [30, 31]. Unter der Leitung von Zayd ibn Thabit wurde ein beispiellos strenges Prüfverfahren etabliert: Jede Zeile musste schriftlich vorliegen und durch das Zeugnis von zwei Augenzeugen gestützt werden, die den Vers direkt vom Propheten ﷺ gehört hatten [31].

II. Umar ibn al-Khattab (عمر بن الخطاب): Der administrative Meister des Weltreichs

Umar regierte zehn Jahre lang und baute die gesamte Staatsstruktur des expandierenden Reiches auf [81, 85]. Er war der Maestro der Verwaltung [86]. Als die Reichtümer Persiens und Byzanz’ nach Medina strömten, verfiel er nicht in Prunk, sondern schuf die Datenerfassungssysteme (الدواوين / Die Diwane) [84, 85]:

  • Diwan al-Kharaj (ديوان الخراج) für die detaillierte Verwaltung der staatlichen Steuern und landwirtschaftlichen Erträge [85].
  • Diwan al-Ata (ديوان العطاء), das erste soziale Sicherheitsnetz der Geschichte, welches jedem Bürger – vom neugeborenen Säugling bis zum Greisen, ob Muslim oder Schutzbefohlener (Dhimmi) – eine feste staatliche Rente garantiert [85].
  • Diwan al-Jund (ديوان الجند) zur Organisation und Besoldung der stehenden Heere [85].

Umar führte den islamischen Kalender ein, organisierte das Justizwesen als unabhängige Instanz und bewies der Welt, dass ein unerbittlicher Eroberer gleichzeitig der gerechteste und barmherzigste Herrscher sein kann, den die Menschheit je sah [85, 87, 88]. Als die Muslime Persien eroberten, stand er vor neuen jurisprudenzmäßigen Herausforderungen, da die Zoroastrier keine klassischen Schriftbesitzer waren [33]. Mit feiner richterlicher Gelehrsamkeit übertrug er die Rechtsregeln und entschied:

«أَجْرُوهُمْ مَجْرَى أَهْلِ الْكِتَابِ»

„Behandelt sie genau so wie die Leute der Schrift!“ [33]

Umar bewies seine administrative Meisterschaft bis zu seinem letzten Atemzug [34]. Als er nach dem feigen Attentat im Sterben lag, weigerte er sich, die Nachfolge persönlich zu bestimmen oder seinen überaus fähigen Sohn Abdullah oder seinen Cousin Sa’id ibn Zayd einzusetzen, um jegliche Spur von Vetternwirtschaft im Keim zu ersticken [34, 35]. Er schuf stattdessen ein geniales Schura-Komitee aus sechs führenden Gefährten und sprach jene bewegenden Worte:

«يَكْفِي آلَ عُمَرَ أَنْ يُتَوَلَّى مِنْهُمْ وَاحِدٌ، إِنْ كَانَ خَيْرًا فَقَدْ أَصَبْنَا مِنْهُ، وَإِنْ كَانَ شَرًّا فَيَكْفِي آلَ عُمَرَ أَنْ يَحْمِلَ هَذَا الشَّرَّ عَنْهُمْ وَاحِدٌ»

„Es reicht der Familie Umars, dass einer von ihnen diese Verantwortung getragen hat. Wenn es etwas Gutes war, so haben wir unseren Anteil daran erhalten; und wenn es eine schwere Last war, so genügt es der Familie Umars, dass ein einziger Mann diese Last für sie getragen hat!“ [34]

III. Uthman ibn Affan (عثمان بن عفان): Die Blüte des Wohlstands und der Erhalt des Textes

Unter Uthman (12 Jahre Regierungszeit) erreichte die territoriale Expansion ihren vorläufigen Höhepunkt [89]. Die Flotten des islamischen Staates beherrschten das Mittelmeer, und der Wohlstand im Reich erreichte astronomische Dimensionen [89]. Der große Gelehrte Al-Hasan al-Basri (الحسن البصري), der diese Ära als Jugendlicher miterlebte, beschrieb diesen unermesslichen Segen mit den Worten [89]:

«مَا أَعْقِلُ مِنْ أَيَّامِ عُثْمَانَ يَوْمًا إِلَّا وَهُوَ يُنَادَى عَلَى النَّاسِ فِيهِ أَنْ هَلُمُّوا لِأَخْذِ أَعْطِيَاتِكُمْ، هَلُمُّوا لِأَخْذِ كِسْوَتِكُمْ، هَلُمُّوا لِأَخْذِ السَّمْنِ وَالْعَسَلِ»

„Ich kann mich an keinen einzigen Tag aus den Zeiten Uthmans erinnern, an dem nicht ausgerufen wurde: ‚O ihr Menschen! Kommt herbei, um eure staatlichen Zuwendungen abzuholen! Kommt herbei, um eure Kleidung in Empfang zu nehmen! Kommt herbei, um Butter und Honig zu holen!‘“ [89]

Seine epochale Großtat war jedoch die Vereinheitlichung des Korantextes auf den quraischitischen Standard-Codex (المصحف الإمام / Mushaf al-Imam) [90, 91]. Als die Soldaten an den fernen Fronten in Aserbaidschan und Armenien begannen, über die richtige Aussprache des Korans zu streiten, handelte Uthman mit eiserner Entschlossenheit [90]. Er ließ alle abweichenden Privatschriften verbrennen und rettete die Ummah vor der theologischen Spaltung, wie sie die früheren Schriftbesitzer ereilt hatte [90, 91].

Am Ende seiner Regierungszeit stand Uthman jedoch vor den unvermeidlichen soziologischen Veränderungen eines rasant gewachsenen Weltreiches [39]. 23 Jahre nach dem Tod des Propheten ﷺ war ein neuer Generationenwechsel eingetreten [39]. Viele neue Bürger besaßen fremde kulturelle Wurzeln, und die spirituelle Intensität der ersten Gefährten-Generation begann in den Provinzen zu verblassen [39, 40]. Diese gesellschaftliche Dynamik wurde von boshaften Verschwörern wie Abdullah ibn Saba genutzt, um Unfrieden und Lügen über den Kalifen zu verbreiten, was schließlich in der tragischen Belagerung und dem Märtyrertod des wehrlosen Uthman in seinem eigenen Haus gipfelte [40].

IV. Ali ibn Abi Talib (علي بن أبي طالب): Der unerreichte Lehrer im Sturm der Krisen

Als nach dem tragischen Märtyrertod Uthmans die dunklen Wolken der inneren Spaltung (Al-Fitnah / الفتنة) aufzogen, übernahm Ali die Führung [91, 92]. Allah hatte ihn für diesen schwersten Moment aufgespart [92, 93]. Er war ein Gigant des Wissens und ein Löwe auf dem Schlachtfeld [92, 93]. Von ihm lernte die Ummah das unschätzbare Recht im Umgang mit inneren Unruhen (فقه الفتن) [92, 93].

Als die Chawaridsch (الخوارج) sich gegen ihn erhoben, ihn öffentlich der Ketzerei bezichtigten und sich bewaffneten, entzog er ihnen nicht ihre Bürgerrechte [75, 93]. Er sandte ihnen sein legendäres Toleranzedikt [75]:

«إِنَّ لَكُمْ عَلَيْنَا أَلَّا نَمْنَعَكُمْ مَسَاجِدَ اللَّهِ أَنْ تَذْكُرُوا فِيهَا اسْمَ اللَّهِ، وَلَا نَمْنَعَكُمْ مِنَ الْفَيْءِ مَا دَامَتْ أَيْدِيعُمْ مَعَ أَيْدِينَا، وَلَا نَبْدَأَكُمْ بِقِتَالٍ حَتَّى تَبْدَأُونَا فِيهِ»

„Wahrlich, wir garantieren euch drei unveräußerliche Rechte, solange ihr eure Hände nicht mit Blut gegen uns befleckt: Wir werden euch niemals den Zugang zu den Moscheen Allahs verwehren, um Seinen Namen darin zu preisen; wir werden euch niemals euren gerechten Anteil an den Staatsgeldern (Al-Fay’ / الفيء) vorenthalten, solange eure Hände mit unseren Händen vereint sind; und wir werden niemals einen Krieg gegen euch beginnen, bis ihr selbst den ersten Schlag gegen uns führt!“ [75]

Ali lehrte uns, wie man den gesellschaftlichen Frieden inmitten des Sturms schützt und wie man den Feind im Inneren bekämpft, ohne die ethischen Grenzen des Islams zu verletzen [93, 94].

V. Al-Hasan ibn Ali (الحسن بن علي): Der Fürst des Friedens und der Hüter der Einheit

Es ist eine eklatante historische Ungerechtigkeit, dass viele Darstellungen die sechsmonatige Regierungszeit von Al-Hasan ibn Ali übergehen [43]. Er ist derjenige, der die prophezeiten dreißig Jahre der Khilafah auf den Monat genau vollendete [43]. Als er nach dem Märtyrertod seines Vaters Ali in Kufa die Bay’ah erhielt, stand er an der Spitze eines gewaltigen Heeres, das bereit war, den Konflikt mit Muawiyah militärisch auszutragen [43, 44].

Doch Al-Hasan besaß jene erhabene Weisheit, die ihm sein Großvater, der Prophet ﷺ, bereits als Kind prophezeit hatte [45]:

«إِنَّ ابْنِي هَذَا سَيِّدٌ، وَإِنَّ اللَّهَ سَيُصْلِحُ بِهِ بَيْنَ فِئَتَيْنِ عَظِيمَتَيْنِ مِنَ الْمُسْلِمِينَ»

„Wahrlich, dieser mein Sohn ist ein edler Herr, und Allah wird gewiss durch ihn Versöhnung stiften zwischen zwei gewaltigen Lagern der Muslime!“ [45]

Al-Hasan tat das Unvorstellbare: Er verzichtete freiwillig auf die Krone der Macht, übergab die Herrschaft an Muawiyah und schloss die Tore der Fitnah im legendären Jahr der Gemeinschaft (عام الجماعة) [45, 46]. Er bewies damit, dass der Erhalt des muslimischen Blutes unendlich wertvoller ist als jeder Thron auf dieser Erde [45]. Seine Tat untermauert zudem die sunnitische Glaubenslehre, dass beide im Bürgerkrieg verwickelten Parteien stets Muslime blieben und keine von ihnen den Glauben verlor [45].


6. Die Zerschlagung der utopischen Illusionen: Die realisierte Gerechtigkeit

Wenn wir heute den Slogan „Der Islam ist die Lösung“ rufen, werfen uns säkulare Denker oft vor, wir würden einer unrealistischen, romantisierten Illusion hinterherjagen [19]. Sie behaupten, ein auf religiösen Dogmen aufgebauter Staat müsse unweigerlich in Tyrannei und Intoleranz versinken [19].

Dr. Elhamy begegnet diesem Vorwurf mit einem brillanten literarischen Vergleich [20]. Er verweist auf die Forschungen der italienischen Historikerin Maria Luisa Berneri und ihr epochales Werk Die utopischen Entwürfe der Geschichte (منشور في عالم المعرفة / عالم المعرفة) [20]. Sie untersuchte sämtliche philosophischen Entwürfe einer „idealen Stadt“ (المدينة الفاضله) von der Antike bis zur Moderne [20].

Ihre Schlussfolgerungen sind für jeden säkularen Denker vernichtend [20, 21]:

  • Kein einziger utopischer Entwurf eines Philosophen wurde jemals in der realen Welt verwirklicht [20].
  • Je weiter die Entwürfe fortschritten, desto unmenschlicher und mechanischer wurden sie [21]. Sie glichen am Ende starren Militärbaracken, in denen die menschliche Individualität und Freiheit völlig ausgelöscht wurde (wie es Alija Izetbegović bezüglich Thomas Mores Utopia analysierte) [21].

Im krassen Gegensatz dazu steht die Rechtgeleitete Khilafah [21]. Sie war keine literarische Fiktion und kein unerreichbarer Traum eines Philosophen [21]. Sie war eine historische Realität, die dreißig Jahre lang auf dieser staubigen Erde existierte [5, 21].

Und sie war zutiefst menschlich [21, 22]. Sie ignorierte nicht die Fehlbarkeit des Menschen [21]. Es gab Diebstahl, es gab Sünden, es gab politische Intrigen und es gab Kriege [21]. Doch diese Fehler wurden im Rahmen einer unübertrefflichen Justiz und einer vom Glauben getragenen Ethik gelöst [21]. Selbst inmitten des schrecklichen Bürgerkriegs zwischen den Gefährten erlosch niemals der gegenseitige Respekt: Sie kämpften tagsüber erbittert gegeneinander, doch wenn die Dämmerung hereinbrach, legten sie ihre Waffen nieder, um gemeinsam hinter einem einzigen Imam zu beten [21].

Die Rechtgeleitete Khilafah beweist der Menschheit, dass absolute soziale Gerechtigkeit, administrative Höchstleistung und die unantastbare Würde des Individuums keine Utopien sind, sondern die natürliche Frucht einer aufrichtigen Unterwerfung unter die Gesetze Allahs [21, 71].


7. Warum wir dieses Erbe studieren müssen: Der ewige Kompass

Dr. Elhamy schließt seine Analyse mit einem flammenden Appell an den Verstand der Muslime [58, 102]. Die Rechtgeleitete Khilafah ist kein verstaubtes Geschichtsbuch und kein nostalgisches Museum, in dem wir andächtig verharren [102]. Sie ist der lebendige, unzerbrechliche Kompass für jede Generation [102].

Sie zeigt uns in absoluter Klarheit:

  • Dass ein Staat, der sich den Gesetzen Allahs unterwirft, die absolute Spitze der sozialen Gerechtigkeit auf Erden errichten kann [71].
  • Dass wir keinen westlichen Säkularismus benötigen, um die Rechte des Individuums und die Würde des Menschen zu sichern [57, 71].
  • Dass der Islam in der Lage ist, sich dynamisch an jede administrative Herausforderung anzupassen, solange er auf dem Fundament der Scharia und der Schura ruht [61, 67, 102].

Dieses Zeitalter beweist uns, dass unsere Ideale keine Utopien oder unerreichbaren Träume sind [72]. Sie waren einmal historische Realität [72]. Und so wahr die Verheißung unseres Propheten ﷺ ist: Wenn wir uns wieder auf die Methodik der Prophetie besinnen, werden wir diese Gerechtigkeit erneut in der Welt etablieren [60, 64]!


Gegründet auf den historischen Analysen von Dr. Mohamed Elhamy in Episode 15. [56]

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